Musik fühlen – wie gehörlose Menschen Musik wahrnehmen und was diese bewirken kann

Latest Posts  •  25. November 2021

Musik verbinden wir spontan mit dem Hörsinn. Dabei erleben wir Musik auch mit anderen Sinnen. Dies machen wir uns zum Beispiel im Rahmen unserer musikalischen Früherziehung zu Nutze. Hier sollen die Kinder Musik ganzheitlich wahrnehmen, sie sollen sie nicht nur hören, sondern auch fühlen. Und natürlich können auch gehörlose Menschen Musik wahrnehmen, Musik erleben und Musik machen. Sie können die Musik fühlen, sich auf die Vibrationen konzentrieren. Denn Musik landet nicht nur in unserem Gehörgang, sie durchströmt unseren Körper und löst bestimmte Emotionen aus.

Fühlmusik für Gehörlose

Innerhalb kürzester Zeit kann Musik auf unsere Stimmung wirken. Und sie wirkt sich auch auf körperliche Funktionen aus, auf unseren Herzschlag, die Körperhaltung und sogar auf den Stoffwechsel. Dabei spielt nicht nur die Melodie eine Rolle. Auch Rhythmus, Harmonie und Tempo der Musik sind entscheidend.

Und auch gehörlose Menschen und Menschen mit geringer auditiver Wahrnehmung sind bis zu einem gewissen Punkt in der Lage, Musik zu hören. Dabei handelt es sich in den meisten Fällen um sogenannte Fühlmusik.

Unterschiedliche Frequenzen und Vibrationen werden über die Hohlräume im Körper wahrgenommen – gefühlt. Vor allem über Fußsohlen und Handflächen werden taktile und vibratorische Schwingungen erspürt.

Auch bei Gehörlosigkeit können gegebenenfalls einzelne, tiefe Töne wahrgenommen werden. Die Harmonie und Tonalität eines Songs spielt jedoch weniger eine Rolle. Rhythmen auf tiefen Frequenzen hingegen können gut erspürt werden. Die genaue Wahrnehmung von Musik hängt von Grad und Art der Gehörlosigkeit ab.

Gehörlose Menschen können Musik nicht nur wahrnehmen, sie können auch aktiv Musik machen. Ein gutes Beispiel ist die schottische Musikerin Evelyn Glennie. Im Alter von zwölf Jahren verlor sie aufgrund einer Erkrankung ihre Hörfähigkeit beinahe vollständig. Dies hielt sie nicht davon ab, als Schlagzeugerin die Drums als Soloinstrument zu etablieren und mit ihrer Musik ins Rampenlicht zu holen. “Ich sehe und fühle die Musik und ihre Vibrationen, und ich schließe von den Körpern der Musiker auf ihr Spiel”, erklärt Glennie ihre Musikalität

Musik zur Förderung der Kommunikation bei gehörlosen Kindern

„Die Musik ist eine Sprache jenseits der Worte, sie ist universell. Sie ist die schönste Kunst, die es gibt, sie schafft es, den menschlichen Körper leibhaftig in Schwingungen zu versetzen…”
– Emmanuelle Laborit

Gehörlose Kinder stehen bei der Entwicklung ihrer Kommunikationsfähigkeit besonderen Herausforderungen gegenüber. Diese liegen zum einen in den verminderten auditiven Fähigkeiten begründet, zum anderen aber auch in ihrer Umgebung, im Umgang der ihnen nahestehenden Menschen mit der Gehörlosigkeit.

Ein sogenannter multi-sensorischer Ansatz, also ein Ansatz, der verschiedene Sinne in Lernprozesse einbezieht, kann der Entwicklung der Kommunikationsfähigkeit zuträglich sein. Denn so können andere Wahrnehmungsbereiche wie der taktile, visuelle oder kinästhetische (Bewegung) Bereich weiterentwickelt werden und für den fehlenden oder reduzierten Hörsinn kompensieren. Darüber hinaus sind Motorik und Sensorik eng miteinander verbunden und können aufgrund dieser Verknüpfung eine Wirkung entfalten. Dies machten sich schon vor Jahrzehnten Pädagogen, die mit gehörlosen Kindern arbeiteten, zu Nutze. So setzte Mimi Scheiblauer bereits 1920 Musik und Bewegung zur Förderung gehörloser Kinder ein. Seither wurden entsprechende Ansätze weiterentwickelt. 

Der multi-sensorische Ansatz

Der multisensorische Ansatz nach Musikerin und Erziehungswissenschaftlerin Shirley Salmon beispielsweise bietet gehörlosen Kindern die Möglichkeit, Klang und Bewegung miteinander in Beziehung zu setzen. Darüber hinaus kommen unterschiedliche Materialien wie japanische Papierbälle, Kreisel, Tücher, Zeitungspapier, Luftballons zum Einsatz. Und der Zugang zur Musik über mehrere Sinne ermöglicht unterschiedlichste Erfahrungs- und Ausdrucksmöglichkeiten. Dadurch wird die Entwicklung der Dialog- und Kommunikationsfähigkeit unterstützt und Interaktion geübt. Es ist in Ansatz, wie wir ihn ganz ähnlich auch in unserer Musikalischen Früherziehung Kling Klong verfolgen und dabei jeden Tag die positiven Effekte auf Kinder mit unterschiedlichsten Voraussetzungen beobachten können.

Durch den Einsatz verschiedener Materialien können neue sinnliche Erfahrungen gemacht und die Besonderheiten der Gegenstände erlebt werden. Diese Erfahrungen sind natürlich nicht von einer Lautsprachkompetenz abhängig. So werden ganz nebenbei auch andere Fähigkeiten wie Raumerfassung und Motorik trainiert.

Zielbereiche des multi-sensorischen Ansatzes sind unter anderem:

  • Schulung und Erweiterung der Wahrnehmung
  • Soziales Lernen
  • Unterstützung der Entwicklung von Kommunikationsmöglichkeiten, von Gestik und Mimik
  • Unterstützung bei Stimmbildung und Sprechfähigkeit

Die Musik wird dabei auch als ordnendes Element erlebt.

Wir sehen einmal mehr, dass Musik Gemeinschaft, Kreativität und zahlreiche Fähigkeiten fördert. Und: Musik ist jedem zugänglich, auch und vor allem, wenn individuelle Bedürfnisse und Wahrnehmungen berücksichtigt werden.

2021-11-25T15:23:59+00:00November 25th, 2021|

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